Die Grosse Verweigerung

DIE GROSSE VERWEIGERUNG geht von einem dramatischen historischen Moment aus, der heute nahezu vergessen ist: Im August 1914 war ein Kongress der Zweiten Sozialistischen Internationale in Wien geplant, um auf den sich abzeichnenden Kriegsbeginn mit einem europaweiten Generalstreik zu reagieren. „Eher Aufstand als Krieg“ war der Kampfruf dieser faszinierenden Hoffnung. Denn durch den Streik würde die Infrastruktur des Krieges in allen Ländern sofort zusammenbrechen. Doch der Kongress fand nicht statt. Der Krieg kam dem Kongress und damit einem Generalstreik zuvor. Die Sozialisten, die noch Ende Juli von der Friedensliebe ihrer Regierungen überzeugt waren, blieben in ihren Heimatländern, unterstützten deren Politik und bewilligten Kriegskredite.
Was wäre gewesen, wenn die Vision eines europaweiten Generalstreiks wahr geworden wäre? Wenn die Eisenbahner, die Arbeiter der Munitions- und Waffenfabriken nicht ihre nationale Pflicht getan hätten, sondern zu Hause geblieben wären? Wenn der vermeintlich schicksalhafte Lauf der Dinge durch eine radikale Unterbrechung des Alltags ausgesetzt worden wäre?
Ist eine solche Verweigerung, eine solche Vision heute noch vorstellbar? In einer Gesellschaft, in der die Menschen ihr Leben, ihre Wege und ihre Begierden durch die Nutzung sozialer Medien transparent und kontrollierbar machen? Eine Gesellschaft, in der die kybernetischen Träume, das Verhalten der Menschen vorherzusagen, nahe-zu wahr geworden sind? Und damit eine konforme, kontrollierte Gesellschaft, in der jede Verweigerung ausgeschlossen wird, wenn sie nicht als kreative Abweichung vereinnahmt werden kann.
DIE GROSSE VERWEIGERUNG ist ein Abend in zwei Akten: Einem historischen, der als Reenactment fiktiver Geschichte fungiert; und einem zweiten ganz realen „Pädagogium“ (Lehranstalt), in dem das Publikum Strategien und Methoden übt, sich zu verweigern. Mit der Inszenierung kollektiver Verweigerungssituationen soll der Versuch unternommen werden, auch formal einer Gegenwart zu begegnen, wie sie Hans-Christian Dany beschreibt: „Durch die technologische Formatierung in den sozialen Netzwerken, diesen panoptischen Blickgeweben wird nun jeder zum Beobachter der anderen und ein von ihnen Beobachteter. […] Jeder ist jetzt zugleich Publikum und Darsteller.“


Sprecher: Christiane Nothofer, Iris Minich, Maria Magdalena Wardzinska, Hanns Jörg Krumpholz, Thomas Kügel, Nicola Duric, Alexander Rischer, Gottfried Schnödl und Samuel Weiß
Musik: Günter Reznicek/Nova Huta
Bühne: Christine Ebeling

Eine Produktion von LIGNA, in Koproduktion mit Kampnagel. Gefördert durch die Konzeptionsförderung der Kulturbehörde Hamburg.

Video: Dokumentation